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Neu entdeckt: Originalpläne des 18. Jahrhunderts

Dornburg_02Von Siegfried Hildebrand

Der Saarbrücker Hofbaumeister Stengel war ein vielgefragter Mann. Nach Diensten in Gotha, Eisenach und Fulda arbeitete er am Hof von Saarbrücken für  die Fürsten Wilhelm Heinrich (1728-1768) und Ludwig (1768-1794). In der damals prächtigen Residenz erhielt Stengel attraktive Bauaufträge. In seinem Lebenslauf berichtet er. "Im Jahr 1750 in 7ber (alte Schreibweise, S.H.) bekam ich ohnvermuthet Briefe von Anhalt-Zerbst, worinnen ich befraget wurde, ob ich mich resolvieren (entschließen) wollte,das in verwichenem Sommer abgebrannte Witthums-Schloß zu Dornburg wiederum aufzubauen und disfals eine Reise dahin zu unternehmen." Der Meister ließ sich Lagepläne des Bauplatzes schicken, entwarf und schickte seine Entwürfe nach Zerbst. Sie gefielen und er wurde um die Ausführung ersucht. Die Auftraggeberin Fürstin Johanna Elisabeth hatte gleich noch eine Urlaubs- und Reiseerlaubnis für ihn beim Fürsten erwirkt. Am 3. März 1751 kam Stengel in seiner Heimat an. Das Schloss wurde errichtet und überlebte - mit einigen Schicksalschlägen - die Zeiten. Es wurde sogar noch einmal gebaut. Als recht ähnliche Kopie, ein wenig dem Zeitgeschmack des frühen Klassizismus angepasst erhebt sich im mecklenburgischen Ludwigslust seit 1776 sein Pendant. Die Planzeichnungen - für die heutige Forschung durchaus von Interesse - waren verschollen. Grundlage aller kunsthistorischen Einschätzungen war stets ein Idealentwurf Stengels, veröffentlicht in einem zeitgenössischen Kuperstich. Er war so großzügig angelegt, dass seine Umsetzung die Kassen des kleinen Fürstentums wohl überstrapaziert hätte.

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Dornburg/Elbe. Kürzlich in
St. Petersburg aufgefundene
Ansicht des Schlosses.
(© Siegfried Hildebrand)

Der Architekt, ein “Zerbster Landeskind” war durch seine bisherige Tätigkeit und durch eine Studienreise nach Paris mit der zeitgenössischen französischen Baukunst, dem “Styl Louis XV” vertraut. So bot er der ehrgeizigen Zerbster Regentin die Gewähr, ein Bauwerk zu erstellen, das international Aufsehen erregen könnte.  Johanna Elisabeth dachte voraus: An der Seite des geistig minderbemittelten Peter III. sah sie ihre Tochter als wahre Herrscherin des russischen Großreiches. Eine Überlegung, die mit leicht veränderten Umständen Wirklichkeit wurde. In der Position der “Zarinmutter” erstrebte Johanna Elisabeth einen Palastbau. Wer weiß, vielleicht hätte sich die Zarin Katharina II. zu einer Besuchsreise nach Deutschland entschlossen. Dann hätten ihre Verwandten tatsächlich ein Schloss benötigt, um die Kaiserin samt großem Hofstaat standesgemäß beherbergen zu können. Es war wohl immer ein gewisser "Stachel im Fleisch" bei Johanna Elisabeth, daß sie etwas unterhalb ihrer Herkunft verheiratet wurde. Im Laufe ihres Lebens trat sie aber  sowohl mit dem Zarenreich wie auch dem Königreich Schweden in verwandschaftliche Beziehungen.

Im Juni 2002 entdeckte Professor Georgi Smirnov vom Institut für Kunstgeschichte in Moskau die wahrscheinlich originalen Baupläne des Architekten  Friedrich Joachim Stengel für das 1751-1758 errichtete Schloss Dornburg (Landkreis Anhalt -Zerbst). Ein glücklicher Fund der jedoch Rätsel aufgibt: Die Wiederentdeckung von fünf Planzeichnungen erregte in Fachkreisen Aufsehen und war für Architekten und Denkmalpfleger Grund genug, an authentischem Ort in den Weiten der Elbaue über das großartige, französischem Geist verpflichtete Rokokobauwerk in Norddeutschland zu diskutieren. Dabei wurde noch einmal deutlich, dass der Dornburger Bau mit der dynastisch bedeutenden Heirat der Zerbster Prinzessin Sophie Auguste Friederike zusammenhängt, die später als Katharina II. den russischen Thron bestieg.

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Dornburg/Elbe. Kürzlich in
St. Petersburg aufgefundener
Grundriss des 2. Obergeschosses.
(© Siegfried Hildebrand)

Ein reiner Zufallsfund war das Auffinden der Dornburger Pläne nicht. Ihr Entdecker Smirnov beschäftigte sich schon länger mit einem Architekten Stengel, allerdings mit Johann Friedrich, dem in Russland tätigen Sohn des für das Zerbster Fürstenhaus tätigen Baumeisters. Dies veranlasste Smirnov nicht nur Mitglied der Stengelgesellschaft zu werden, sondern sich auch der deutschen Sprache zuzuwenden. In diesem Umfeld wurde er sensibilisiert für den Wunsch der Stengelfreunde, die in Deutschland nicht auffindbaren Dornburger Pläne zu erlangen. Mit Zugang zum Archiv des Museums Ermitage in Petersburg konnte er den ihm im Juni  von der zuständigen Archivarin vorgelegten “nicht identifizierbaren Plansatz westeuropäischer Bauten” zweifelsfrei zuordnen. Die in schwarze Tusche gezeichneten Grundrisse und der lavierte Aufriss  waren ohne Titel und Maßstab.

Schwieriger zu beantworten ist für Smirnov die Frage, wie die Zeichnungen nach Petersburg gelangt sind. Da der Auftraggeberin, Fürstin Johanna Elisabeth der Briefwechsel mit der Tochter untersagt war, scheidet eine Übersendung von ihr aus. “Ich  vermute, dass nach 1762 die Pläne  von Katharina angefordert wurden“, sagte der Wissenschaftler.

Der Bau begann, kam aber infolge des Siebenjährigen Krieges und des Todes der Bauherrin nur teilweise zum Abschluss.

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Dornburg/Elbe. Restaurierungs-
arbeiten am Schloss (Jan. 2000).
(© Siegfried Hildebrand)
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Dornburg/Elbe. Restaurierungs-
arbeiten am Schloss (Jan. 2000).
(© Siegfried Hildebrand)

In Schloss Dornburg wird das Landesamt für Vorgeschichte Sachsen-Anhalts ein Funddepot einrichten. Im Zuge der bereits laufenden Sanierung des Bauwerkes ist vorgesehen, das ursprüngliche farbliche Erscheinungsbild wiederzugewinnen. Der nachgewiesene Weiß-Ton wird  die Feinheiten der Fassade gut zur Geltung bringen.

Für die Kunstfreunde in Saarbrücken dürfte eine Darstellung von Professor Dittscheid (Universität Regensburg) von Interesse sein. Er kombinierte Stengels Saarbrbrücker Schlossentwurf von1739 mit den Dornburger Plänen von 1750. Sichtbar wurden übereinstimmende architektonische Prinzipien, eine innere Verwandschaft. Da das Original des Saarbrücker Planes in einem Banksafe zugrunde ging, ist mit den wiederentdeckten und zunächst als Originalentwürfe Stengels anzusehenden Plänen auch für die Kunstgeschichte des Saarlandes ein geistiger Zugewinn festzustellen.