Moritzburg Halle
Die junge alte Moritzburg in Halle an der Saale
von Elisabeth Schwarze-Neuß
Endlich war es so weit! An einem Wochenende im Oktober 2008 öffneten sich nach dreijähriger Bauzeit die Tore der Moritzburg, um den zu Tausenden mit Kind und Kegel herbeigeströmten Hallensern die Räumlichkeiten zu präsentieren, die durch den Wiederaufbau der Westruine und den Ausbau des sich rechtwinklig anschließenden Nordflügels, der bisher die Sporthallen und Fechtsäle der Universität beherbergt hatte, entstanden waren, bevor sie das für sie bestimmte Museumsgut aufnahmen.
Als dachlose Brandruine überstand der Westflügel die Jahrhunderte und bot trotz seiner Ruinengestalt noch immer ein eindrucksvolles Bild, so dass viele Hallenser der Ansicht waren eine Wiederherstellung würde ihm nur Schaden zufügen.
Allerdings stand sowohl für die Auftraggeber als auch für die Architekten fest, dass der Ruinencharakter äußerlich gewahrt bleiben müsste. Daher war es eine überaus heikle Aufgabe, das mittelalterliche Gemäuer mit der schnittig-modernen Architektur der Dachkonstruktion in eine harmonische Verbindung zu bringen, die sich noch dazu in die malerische Dachlandschaft der übrigen Burggebäude und –türme einfügen musste. Wer den Burghof betritt, erlebt das Dach aus weiß glänzendem Aluminium gleichsam schwebend über den spätgotischen Fassaden. Der gleiche, eher unauffällige, Eindruck ergibt sich von der Saaleseite. Um die kühne Gestaltung der Bedachung mit „dem Drama schräg ansteigender, dann wieder kaminartig in den Himmel auskragender prismatischer Körper“ (Günter Kowa in „Mitteldeutsche Zeitung“, Beilage „Blick“ vom 6. Dezember 2008) in ihrer Gesamtheit zu erfassen, muß man allerdings ins Flugzeug steigen.
Wohltuend ist die Zurückhaltung, die das mit der Bauleitung beauftragte, aus einem Architekturwettbewerb als Sieger hervorgegangene, Architektenehepaar Nieto/Sobejano aus Spanien, das ansonsten bei seinen Bauten (u.a. Kongresshalle in Saragosa/Spanien) nicht sparsam umgeht mit zackig-schrägen höchst gewagten Linienführungen, dem alten ehrfurchtgebietenden Gemäuer gegenüber gewahrt hat.
Auf den ersten Blick gewinnt der Betrachter den Eindruck als sei kein Mauerstein von seiner Stelle gerückt worden. Natürlich täuscht dieser Eindruck, denn es waren komplizierte statische Vorarbeiten nötig, um das mürbe Mauerwerk zu einem „Raumtragwerk“ für das Dach und die großen eingehängten Boxen zu machen. Damit die Stahlkonstruktion auf den mittelalterlichen Mauern ruhen konnte, mussten zu seiner Festigung ummantelte Stahlnadeln hineingetrieben werden. Besonders schwierig gestaltete sich die Situation im Übergangsbereich vom West- zum Nordflügel, wo zusätzlich Stahlstützen in das Mauerwerk eingelassen werden mussten, um die Last des Daches nah unten abzuleiten. Das sind Eingriffe, die so manchem Denkmalpfleger einen Schauder über den Rücken jagen! Der unbefangene, von wissenschaftlichen Skrupeln nicht geplagte, Besucher dagegen schreitet entspannt über bequeme Treppen und ebene rutschfeste Fußböden durch angenehm erwärmte Gänge, Galerien und Säle und freut sich über den vielen Raum, den das aus allen Nähten platzende Museum für seine Ausstellungen gewonnen hat, genießt durch die wandhohen Fenster an der Stadtseite die überwältigende Aussicht auf Saale, Dom und Residenz, die einst Lionel Feininger in traumhaften Visionen verewigt hat.
Die Verfasserin dieses Beitrages gehörte von Anfang an zu der Gruppe der Befürworter und erinnert sich noch gut an die Veranstaltung, auf der die Leitungen der sachsen-anhaltischen Schlösserstiftung und des Landeskunstmusems zum ersten Mal den geplanten Wiederaufbau der Westruine einer größeren Öffentlichkeit vorstellten, nachdem viele andere Pläne für die Erweiterung der musealen Ausstellungsflächen durch Inanspruchnahme benachbarter Gebäude aus den unterschiedlichsten Gründen verworfen werden mussten. Da gab es durchaus nicht nur Befürworter. Die einen wollten alles beim Alten lassen und konnten sich höchstens ein Freilichtmuseum in der Westruine denken. Andere befürchteten allzu profilierungssüchtige und experimentierfreudige Architekten, die das Baudenkmal zum Tummelplatz avantgardistischer Ideen missbrauchen könnten, wieder andere schwiegen sich aus. Aber es gab auch solche, die durch positive Beispiele ermutigt (u.a. Palas der Eckartsburg, Stadtschloß in Schöningen) sich die völlige Wiederherstellung der Moritzburg durch den denkmals- und nutzungsgerechten Aufbau des Westflügels gut vorstellen konnten, da diese in ihrer wechselvollen, von höchsten Höhen und tiefsten Tiefen geprägten fünfhundertjährigen Geschichte immer wieder ihren jeweiligen Nutzungen oder dem Zeitgeschmack entsprechend gestaltet oder auch verunstaltet wurde und beinahe zu Grunde gegangen wäre, hätten nicht Ende des 19. Jahrhunderts einige geschichtsbewußte Bürger die Bedeutung dieses städtebaulichen Kleinods erkannt und ihm durch neue sinnvolle Nutzungen für museale und Universitätszwecke aus seiner tiefsten Erniedrigung herausgeholfen. Freilich noch nicht in der denkmalgerechten und museumstechnischen Art und Weise, die für uns heute selbstverständlich ist. Das alles kam erst später und auch nur schrittweise.
Die Moritzburg ist auf Grund ihrer Entwicklung kein in Ruhe und Frieden gewachsenes Gesamtkunstwerk, bei dem jede Veränderung eine Verletzung bedeuten würde. Sie ist ein in den Stürmen der Zeit, durch Vernachlässigung, menschlichen Unverstand, Indifferenz und unangemessene Nutzungen gebeuteltes, aber äußerst robustes und widerstandsfähiges Bauwerk, das zu seiner angestammten Würde zurückgefunden hat und Schlimmeres ertragen hat als den Wiederaufbau seines ruinösen Westflügels.
Die Freude und Erleichterung der Museumsmitarbeiter, der Stolz und die Zustimmung der Hallenser, die weit über Halle hinausgehende Beachtung, die das Werk und alle, die zu seiner Vollendung beitrugen, fanden, sind ein Beweis dafür, dass hier etwas Ästhetisch-Ansprechendes und Funktional-Richtiges entstanden ist, das der Stadt Halle und ihrer geliebt-ungeliebten „Zwingburg“ zur Ehre gereicht.
Halle, 14.02.2009
Elisabeth Schwarze-Neuß
Fotos: Dr. P. Herrmann-Trost
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