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Weimar, mal ohne Goethe

Denstedt
Denstedt- an der Schwelle
von Burg zu Schloss

Weimar, mal ohne Goethe

von Ralph Spitzbarth

In den Iden des Mai brachen die Teilnehmer der Landesgruppe Sachsen- Anhalts auf,

um in der unmittelbaren Umgebung des deutschen Parnass, baulich kulturelle Höhepunkte jenseits der klassischen weimarer Zeit zu suchen.

Diese “Transitanlage” brauchte entsprechend zwei Haupttore, dessen eines noch heute diese Funktion hat und das andere ist zumindest, jetzt vermauert, noch in seien Umrissen zu erkennen. Im dreigeschossigen Torhaus befindet sich auch der der bedeutendste Innenraum der Burg, der kreuzgradgewölbte Kapitelsaal mit verschiedenen Wappensteinen der ehemaligen Komture. Besonders prächtig das von Landeskomtur Hartmann Sommerlat von 1493. Die verwandtschaftliche Beziehung zur derzeitigen Schwedischen Königin Sylvia geb. von Sommerlat, konnte auch von unseren genealogisch versierten Vereinsmitgliedern nicht verifiziert werden.

Nur wenige Autofahrminuten später trafen wir Oßmannstedt ein. Auf dem vormalig Wielandschen Gut, es lässt sich im Gravitationsfeld Weimars eben nicht vermeiden, wollten wir nun doch noch der Weimarer Klassik unsere Referenz erweisen. Das der Stiftung “Deutsche Klassik” unterstehende Objekt ist natürlich in tadellos gepflegtem Zustand, zumal es kein teuer zu erhaltendes Schloss gibt. Familie Wieland wohnte im Seitenflügel.

Das Corps de Logis wurde aus Geldmangel nie erbaut. Der Frühklassiker stand auch finanziell im Schatten seines Dichterkollegen JWvG. Im schlichten Barockbau erfuhren wir einiges über das literarische Schaffen des Hausherren. Dem Ohr geläufige , aber nie gelesene Titel. Beim Gang durch den weitläufigen Park konnte jeder still darüber nachdenken und sich dafür schämen, “ Die Geschichte der Abderiten” oder “Aristipp” bestenfalls vom Hörensagen zu kennen.

Dem später anglisierten Park sieht man sein barockes Herkommen noch an den Stützmauern und Alleepflanzungen an. Leider befindet sich der Platz des örtlichen Fußballvereins immer noch auf dem Bowling Green in der Hauptsichtachse. Die Grabanlage Wielands, ganz romantisch, mit Stufen hinab zur geheimnisvoll gurgelnd, plätschernden Ilm/ Styx, unter riesigen Bäumen, wohl noch Repräsentanten seiner Zeit.

So innerlich firmiert ging es zur größten Burg der heutigen Fahrt- Kapellendorf. Ärgerlich, dass sie auf allen Hinweisschildern als Wasserburg bezeichnet wird. Die kundigen Vereinsmitglieder konnten natürlich sofort die richtige typologische Zuordnung vornehmen - Niederungsburg mit, zugegebenen, breiten Wassergraben.

Die baugeschichtlich und archivarisch zu fassende Geschichte beginnt in der zweiten Hälfte 12. Jh., als die edelfreien Herren von Kapellendorf , Burggrafen von Kirchberg bei Jena werden. Ganz im Bewusstsein ihrer Rangerhöhung, bauen sie die heutige Kernburg mit Buckelquaderbergfried (heute nur noch 2-3 Meter hoher Stumpf) und spätromanischem Palas.

Kapellendorf Liebstedt
Kapellendorf - Eingangssituation Liebstädt - Durch dieses Tor führte die Kupferstraße

Schon 100 Jahre später sind die Bauherren pleite und der Stammsitz muss an die, damals gerade wirtschaftlich aufstrebende, Stadt Erfurt verkauft werden. Da Kapellendorf das Münzrecht und eine Kuriatsstimme beim Reichstag anhaftete, war man bereit groß zu investieren. Zwischen fünf Türmen spannt sich eine neue Ringmauer, der ein 30 m breiter Wassergraben vorgelagert wurde. Der Graben um die Kernburg wurde verfüllt und ein repräsentativer Breitturmpalas mit großen Kreuzstockfenstern erbaut. Der alte Palas wird Küchengebäude. Wiederum 100 Jahre später scheint das Interesse an der Burg beim Erfurter Rat verflogen zu sein. Sie verleihen es wiederkäuflich an die Ritter Vitztum, bekannte Wegelagerer.

Als diese ausgerechnet eine burgundische Hochzeitsdelegation an den sächsische Kurfürsten Friedrich II. kidnappen und nach Kapellendorf verbringen, muss Erfurt seine eigene Burg belagern. Für die fortifikatorische Qualität spricht, dass nach 2 Monaten die Burg leidlich wegen Proviantmangels übergeben werden musste. Bald fällt sie an die Wettiner, die sie bis zum Ende der Monarchie lediglich als Amts- und Gerichtssitz nutzen. Eine dritte Karriere als spätbarocke Schlossanlage , kommt über den Rohbau nicht hinaus. Die weimarer Prinzessin, der Kapellendorf als Witwensitz zugesprochen wurde, stirbt bald selbst.

Glück scheint diese Burg ihren Besitzern nie langfristig gebracht zu haben. Heute (wieder) im Besitz der Stadt Erfurt, die offenbar auch nicht so richtig weiß, was sie damit anfangen soll. Das Burgmuseum ist zurzeit jedenfalls geschlossen. Wenn auch sämtliche historischen Investoren nicht viel Glück mit ihrer Erwerbung hatten, ist sie für den heutigen Besucher eine sehr schöne und interessante Anlage.

Über die Unwägbarkeit aller menschlichen Planung konnte dann bei der Einkehr im örtlichem Dorfkrug “Zum Fettnäppchen” sinniert werden.

Als letztes Objekt erwartete uns am Nachmittag die Burganlage Denstedt.

Das über der Ilm auf einem Bergsporn gelegene Objekt ist kaum erforscht und doch ein wirkliches Kleinod. In seiner jetzigen Erscheinung wohl der frühen Renaissance entstammend ist die baugeschichtliche Vorzeit vollkommen unerforscht. Der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten nicht zugänglich, konnten wir durch das freundliche Entgegenkommen der jetzigen Besitzer (Ärzte und Burgenvereinsmitgliedern aus dem Fränkischem) alle Winkel der frühen Schlossanlage erkunden. Der Bürgermeister und Freund der Burg konnte uns sachkundig führen. Die Anlage besteht im wesentlichem aus einem großen Wohngebäude, mit Wendelstein, Vorhangbogenfenstern, Erkern, Eckturm , einem fast zierlichem Wehrgang, der zum überschlanken “ Dekorationsbergfried” führt. Das Ganze noch in der äußeren Anmutung eine Burg, die aber ihre Wehrhaftigkeit zu Gunsten der ästhetischen Ausformung der Schmuckelemente zurückstellt. Ein Bau, der den Übergangscharakter von der Burg zum Schloss in provinzieller Nachahmung der großen Vorbilder, wie der Meißner Albrechtsburg, dokumentiert.

Im 18. Jh. hatten die Besitzer im Bereich des weiträumigen vorgelagerten Wirtschaftshofs eine neue Wohnstatt errichtet, so dass der alte Bau, als Körnerboden benutzt, ohne größere Veränderungen auf uns gekommen ist. Im z. Zt. noch als Baustelle zu erlebenden Inneren haben sich Balken-Bohlen-Decken, Unterzügen mit Schiffskehlenprofilierung und diverse Reste von Ausmalungen erhalten. In einigen Jahren soll hier ein Wellness- und Rheazentrum für Weimars Senioren einziehen. Angesicht einer solch stilvollen Atmosphäre, kann man sich nur aufs Altwerden freuen. Wir wünschen den wackeren Investoren weiterhin ein gutes Gelingen.

Nach diesem wieder mal lehrreichen und kurzweiligen Ausflug kehrten wir, ohne Goethe begegnet zu sein, wieder in unsere Heimat zurück.